whats behind the curtain

Diese Textzeile verwendete die Performancekünstlerin und Musikerin Laurie Anderson in ihrem Stück Born Never Ask auf dem Album Big Science aus dem Jahre 1981.

It was a large room. Full of people. All kinds
And they had all arrived at the same building
At more or less the same time
And they were all free. And they were all
Asking themselves the same question:
What is behind that curtain?

https://genius.com/Laurie-anderson-born-never-asked-lyrics

Die Frage „what is behind the curtain?“ hatte mich damals unglaublich in den Bann gezogen, stößt sie doch – jedenfalls für mich -, wenn sie gerade ausgesprochen ist, eine Tür in die Welt des Geheimnisvollen auf. Klar, etwas ist vor dem Vorhang, aber was ist eigentlich dahinter? Man kann dies auch ein bisschen auf die akustische Welt übertragen, zum Beispiel wenn wir an das Spiel „Ich sehe was, was du nichts siehst„, denken und es als akustisches Spiel ummünzen, indem wir einen Klang bzw. einen Sound hören und nun vermuten, wer oder was den Klang erzeugt hat oder wo und unter welchem Umständen der Klang aufgenommen wurde beziehungsweise entstanden ist.

Wollen wir mit dem Spiel beginnen? Höre dir den Klang an und vermute, was den Klang erzeugt hat? Wenn du noch genauer hinhören möchtest, aus welchen verschiedene Geräuschen setzt sich der Klang zusammen?

Hast du richtig vermutet? Dann hast du gewonnen. Klopfe dir auf die Schulter, halte kurz inne und beglückwünsche dich! Atme tief ein und erlaube dir, diese wunderbare Erfahrung in den morgigen Tag mitzunehmen. Wer jetzt Spaß an diesem akustischen Spiel bekommen hat, der darf sich eine ganze Präsentation mit weiteren Höraufgaben gleichen Formates herunterladen. Die Klänge wurde 2018 im Rahmen eines KLANGSAMMLER PROJEKTES einer Klasse des 5. Jahrgangs zusammengestellt und für einen Medienwettbewerb eingereicht.

Das Beitragsbild kann hier nicht direkt der Klangerzeuger sein, sonst wäre der Spielwitz des heutigen Beitrages verloren. Ich habe ein Bild gewählt, welches mir ausreichend skurril vorkommt, um hier als Platzhalter zu fungieren. Bei einer Tagung im Hochtaunus bot sich als erster Blick in einen Raum des Hotels eine Rasenmäherauststellung. Mit diesem Anblick hatte ich wahrhaftig nicht gerechnet.

composition 1960 #7

Die Composition #7 aus dem Jahre 1960 von La Monte Young hat mich schon immer unglaublich fasziniert. Meine armen Schüler lernen sie meistens dann kennen, wenn wir ein bisschen minimal music hören und spielen wollen [oder will ich das und die sollen? – okay, anderes Thema …]. Dazu erzähle ich meistens folgende Geschichte, die ich erstmals im Buch Durch Musik zum Selbst von Peter Michael Hameln gefunden habe.

Ein Mann besaß ein Cello mit (nur) einer Saite, über die er stundenlang den Bogen führte, die Finger immer auf derselben Stelle haltend. Seine Frau ertrug diesen Klang sieben Monate lang, in der geduldigen Erwartung, dass der Mann entweder vor Langeweile sterben oder das Instrument zerstören würde. Da sich jedoch weder das eine noch das andere ereignete, sagte sie eines Abends in sehr sanftem Tone: „Ich habe bemerkt, dass dieses wundervolle Instrument, wenn es andere spielen, vier Saiten hat, über welche der Bogen geführt wird, und dass die Spieler ihre Finger ständig hin- und her bewegen.“ Der Mann hörte einen Augenblick lang auf zu spielen, warf einen Blick auf seine Frau, schüttelte das Haupt und sprach: „Natürlich bewegen sie ihre Finger hin und her. Sie suchen den richtigen Ton. Ich habe ihn gefunden.“  Armenische Fabel

composition #7 sine

Man könnte die Komposition als eine der urtümlichsten der sogenannten minimal music bezeichnen, ist sie doch in ihrer Reduzierung auf zwei – in einer Quinte – gleichzeitig erklingenden Töne, auf das Wesentliche beschränkt. Das Internet hat viele Beispiele für das Stück gesammelt. Was mir erst neulich dazu aufgefallen ist: Young benutzt das hashtag Zeichen # in aller Voraussicht, ohne zu ahnen, dass dieses Zeichen eines der bedeutendsten Zeichen der aktuellen Jugendkultur werden würde, denken wir beispielsweise nur mal an die Verwendung beim social media Dienstleister instagram.

Als Studenten führten wir in einem Kurs folgendes akustisches Experiment durch: Wir haben die beiden oben abgebildeten Töne mittels eines Modularen-Synthesizers als Sinuswellen ausgegeben und 20 Minuten erklingen lassen. Sinuswellen kommen in der Natur isoliert nicht vor. Eine Sinuswelle muss immer elektronisch erzeugt werden. Jeder in der Natur vorkommende Ton ist eine Mischung aus verschiedenen Sinustönen und ergibt eine periodisch wiederkehrende Welle, die einen Klang formt. Sie folgt den Gesetzmäßigkeiten der Obertonreihe. Sind Klänge aus nicht periodischen Wellen zusammengesetzt, sprechen wir von einem Geräusch.

Die beiden Sinustöne sollten sich die Kursteilnehmer anhören und danach ihr Hörerlebnis beschreiben. Nicht wenige waren der Auffassung, dass sich der Klang der Töne im Laufe der Zeit verändert hätte. Manche meinten, der Klang wäre voller geworden, hätte Varianten gezeigt, hätte sich irgendwie verändert. Jedoch, dem war physikalisch nicht so. Es zeigt sich, dass das Hörerlebnis immer ein psychisches Erlebnis bleibt, Musik entsteht in unserem Kopf. Mit ein Grund dafür, warum manche Zuhörer minimal music nervig finden, andere empfinden sie sehr angenehm.

Wir können in diesem Beitrag drei Varianten der Komposition hören. (Die erste Version findet sich weiter oben.) Die ersten beiden Aufnahmen wurden direkt mit der schon oft erwähnten Laufzeitumgebung sonic pi generiert. Ich habe den code in einem sonic pi Forum gefunden und leicht variiert. Die erste Version rechnet mit Sinuswellen. Die zweite Variante benutzt einen komplexeren Sound, der ein bisschen moduliert wird. Es folgt der Code in sonic pi.

# coded by MrSkeletal adapted by falk

with_synth :sine do
  with_fx :ixi_techno, phase_offset: 0.2, phase: 44 ,res: 0.6 do
    play :b3, amp: 2, attack: 25, release: 1000, pan: -0.8
    play :fs4, amp: 2, attack: 25, release: 1000, pan: 0.8
  end
end

composition #7 dark ambience

Die dritte Variante verwendet acht verschiede Klangfarben. Zwei davon sind Sinuswellen, die anderen Klangerzeuger sind verschieden Padsounds, die in ihrer Lautstärke variiert werden.

composition #7 pad version

Das Beitragsbild habe ich in der Disco des letztjährigen 35C3 Computerkongresses in Leibzig fotografiert.

so far away

Jedes Jahr fahren wir mit unseren drei Musikklassen der Schule – Jahrgang 5 bis 7 – am Ende des Schulhalbjahres auf eine Musikfreizeit. Diesmal ging es zum Knüllköpfchen. Da haben wir dann drei Tage Zeit ausführlich an Stücken zu arbeiten. Die Freizeit beschließen wir mit einem Abschlusskonzert. Zwischendurch werden Instrumente umgeräumt und man muss manchmal auch ein wenig warten, weil die nächste Phase noch nicht begonnen werden kann, denn einer der Mitspieler muss zum Beispiel noch etwas holen oder ähnliches. In einer dieser spontan entstandenen Pausen klimperte ich ein wenig auf dem Klavier herum und hatte gerade einen Doppelsound aufliegen – Klavier mit Streichern. Aus dieser Idee entstand dies kleine, extrem minimalistische Stück, was ich dann sofort festgehalten habe. Es besteht im ersten und zweiten Teil nur aus drei Harmonien: F – Dm – Am und dann Bb – C – D, die stets im gleichen Arpeggio vorgetragen werden.

Das Stück So Far Away (Dieser Link führt zu einer „online klingenden“ Partitur) wird am 17.02.2019 in Bad Wildungen uraufgeführt. (Zum Begriff Uraufführung hatte ich mal diesen Artikel empfohlen). Hier kann man die Partitur von So Far Away downloaden. Mit dem Titel ist natürlich eine Sehnsucht gemeint. Um welche Sehnsucht es sich handelt, bleibt ungewiss. Aber Sehnsucht bedeutet gleichzeitig auch immer Entfernung bzw. eine Distanz, entweder ausgedrückt in Kilometern oder in einer zeitlichen Entfernung wie z.B. die Vorstellung, die man von der Zukunft hat; dass in der Zukunft etwas eintrifft, was man sich wünscht. Allerdings ist nicht immer klar, was man sich genau wünscht, allein das Gefühl der Sehnsucht ist auch manchmal schön. Der Pianoklang wird aus einer Mischung von zwei Klaviersounds mit unterlegten Streichern erzeugt, während mir abermals für die Solostreicher die Spitfire Frozen-Strings-Library gute Dienste leistete. Überschwängliche Verwendung von Hallprogrammen verstärken den Eindruck der Entfernung der Klänge. Das kürzlich in meinem Dorf aufgenommene Beitragsfoto zeigt ein wundervolles Abendlicht. Als ich dieses Licht gesehen habe, stoppte ich sofort meine Fahrt und bin sofort begeistert aus meinem Auto ausgestiegen, um den Moment einzufangen. Man merkt, dass die Tage doch wieder etwas länger werden. Die Weite des Himmels passt ausgezeichnet zu dem Titel des Stückes. Die Bildaufnahme wurde mit dem Programm Sketcher verändert.

sad will lead the way

Neulich probierte ich ein wenig mit der Playerfunktion in meiner Digital Audi Workstation (DAW) herum, um eine Akkordfolge zu erzeugen und stieß auf die hier veröffentlichte Melodie, die mir dazu passend zu den Harmonien erschien. Das Stück hört sich ein bisschen traurig an, allein mir wollte kein passender Titel einfallen. Kein Problem, gibt es doch unzählige Song-Title-Generatoren im Netz, die einem da schnell weiterhelfen können. Auch der heutige Titel ist nach Eingabe des Wortes „sad“ aus einem solchen Generator „herausgepurzelt“. Gibt man nun dem Netz die Suchanfrage nach der saddest songs list, wird man auch erstaunlicherweise schnell fündig, wie hier zum Beispiel. Je nach Geschmack des Sammlers fällt diese Liste natürlich sehr unterschiedlich aus. Welchen Platz würde mein Song in dieser Liste bekommen, was meint ihr?

sad will lead the way

Hier das Stück in herkömmlicher Notation.

Das Beitragsbild zeigt das hier in den Landen weiterverbreitete Schilfrohrgras Phragmites australis und wurde im Gegenlicht bei einem Spaziergang 2019 aufgenommen.